Neulich sah ich am Rande des Kindernähworkshops im Recycling.Kosmos ein altes Stickanleitungsheft herumliegen, das aus einer Schulbibliothek ausgeschieden worden war.
Es zeigt eine mir bis dato unbekannte Technik zum Anfertigen von Spitzen mit kreisförmigen, dreieckigen, quadratischen und noch vielen weiteren Schablonen.
Die Schablonen und die damit hergestellten Spitzen heißen Thesaformen bzw. Thesaspitzen (nach Thesa Buschmann, die die Schablonen ursprünglich herstellte und vertrieb).
An der Schablone werden zunächst sternförmig Spannfäden gespannt und an der Rückseite mit einem Befestigungsfaden gehalten. Anschließend bildet man mit Nadel und Faden mehr oder weniger kunstvolle Muster (Stopfstich, Stege umstopfen, diverse Knoten, Spinnen usw., wie man sie auch von Nadelspitzen und von Durchbruchsarbeiten kennt). Wenn man fertig ist, schneidet man den Befestigungsfaden auf und kann die Spitze leicht von der Schablone lösen.
Ähnliche Schablonen, aber viel gröber, hatte ich als Kind, darauf haben wir mit Bast und Wolle "gewebt". Die moderneren Schablonen, bei denen Plastikstifte in Lochplatten gesteckt und darauf dann Stoffblumen gewickelt werden, sind wohl auch eine Variante dieser Idee.
Das WWW weiß recht wenig über die Thesaspitzen und die Thesaapparate (und die Suchmaschinen glauben, dass ich Tesafilm suche oder sonstwas). Immerhin habe ich gefunden, dass die Anleitungen in den frühen 1920er Jahren in Dresden veröffentlicht wurden https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/Z24EUCBPPPZAI5NIKLSSSGP4IP7N6YKK und dass es mehrere Auflagen gab. "Meine" ist die 7. Auflage und wurde von einem Handarbeitshaus Hofmann in Wien vertrieben. Zu den Schablonen (hinten im Heft abgebildet) gab es auch Thesagarne in mehreren Farben, Stärken und Materialien, Thesanadeln usw. - also schon eine recht moderne Form des Marketing - und offenbar wurden Handarbeitsgeschäfte in diversen Städten als Partner gewonnen, die das Originalmaterial verkauften und den eigenen Namen auf das Anleitungsheft drucken durften.
Hier https://www.antiquepatternlibrary.org/html/warm/B-YS089.htm und hier https://www.antiquepatternlibrary.org/pub/PDF/B-YS089.pdf gibt es gut lesbare Scans von einem Anleitungsheft. Ich habe letztens nur schnell Fotos mit der Handykamera gemacht. Falls das Heft beim nächsten Besuch nicht schon weg ist, nehme ich es zum Einscannen mit, denn in dieser Auflage sind zT andere Beispiele gezeigt, unter anderem auch, wie man die Spitzen in Kleider einsetzen oder für Krägen, Schmucktaschentücher etc. verwenden kann.


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